Zohre Escaped.
ZOHRE ESCAPED – DAS PROJEKT
Passenderweise steht auch am Anfang dieser Geschichte ein Schwarz-Weiß-Bild. Stundenlang suchte ich im Internet nach einem geeigneten Gesicht für eine Auftragsarbeit. Ein Model, dessen Äußeres mit dem der schon ausgesuchten Kolleginnen kontrastierte. Es war ein eher unspektakuläres, halb verschattetes Bild auf den Internetseiten des Stuttgarter Künstlerdiensts, das mich geradezu ansprang – dieses irgendwie exotische Gesicht mit den dunklen Augen wollte ich unbedingt für die Produktion eines ambitionierten Kalenders mit dem Thema „Märchen und Mythen“ gewinnen.
Zohre Esmaili, New York, Paris, aus Afghanistan stammend, international gefragt und gebucht, dazu ein beachtliches Portfolio an stylishen Bildern – ob ein Profimodel, das auf diesem Level unterwegs ist, mit einem Fotografen zusammenarbeiten würde, der aus einer ganz anderen Ecke kommt?
Erfreulicherweise nahm Zohre den Job an. Und schon bei unserem zweiten Telefonat sagte sie: „Hey, du warst ja schon in meiner Heimat.“ Vielleicht war es diese besondere Verbindung, die die Arbeit mit Zohre vom ersten Moment an erfreulich angenehm machte. Vor allem faszinierte mich Zohres schauspielerisches Talent.
Abends, nach stundenlanger intensiver Arbeit in der frühlingshaften Provence, plauderten wir über Afghanistan. Zunächst zögerlich erzählte Zohre immer wieder von ihrer abenteuerlichen Flucht. Die Flucht der Familie aus Afghanistan ist eine Geschichte, die wir Mitteleuropäer normalerweise nur aus Medienberichten kennen. Schon auf der Heimreise von Frankreich hatte ich die vage Idee, diesen Teil von Zohres Vita sozusagen nachzuerzählen – eine Geschichte, die der Nukleus zu einem breiter angelegten Projekt sein könnte.
Aber darf man das? Eine Flucht in ästhetisierenden Fotos nacherzählen? Letztlich bleibt das Urteil dem Betrachter überlassen. Ich habe mich dafür entschieden, das Projekt zu realisieren. Gemeinsam mit Zohre. Nicht zuletzt aus diesem Grund: Vielleicht könnten Fotos, die sicher nicht schockieren, dazu beitragen, die Betrachter eher zum Nachdenken anzuregen.
Denn darum geht es: Nachdenken. Es geht nicht um die illusorische Vorstellung, dass die reichen Länder Europas alle Flüchtlinge und Migranten dieser Welt mit offenen Armen empfangen sollten. Aber als Journalist verbüfft mich immer wieder die Ignoranz, mit der große Teile der Öffentlichkeit das Thema diskutieren.
Doch es gibt Hoffnung, immer wieder. Menschen wie Zohre, die es geschafft haben, Krieg und wirtschaftlichem Elend zu entkommen und sich ein neues Leben aufzubauen. Auch von ihnen berichtet dieses Projekt.